CentOS Linux 8 ist abgekündigt - was nun?

Da mussten wir erstmal drüber schlafen: die klassischen CentOS Linux 8-Versionen werden Ende 2021 durch CentOS 8 Stream abgelöst, welches gleichzeitig Upstream für RHEL wird. Und was jetzt?

Rolling Releases für die Produktion, und das in der Welt von CentOS. Schluck. Ok… Und dann die Fragen: Was wird aus Fedora? Wie ist das zukünftige Zusammenspiel aus RHEL, CentOS und Fedora zu verstehen? Wann ist CentOS 8.3 EOL?

Die Fakten

CentOS vs. RHEL vs. Fedora

Red Hat Enterprise Linux wird der Einfachheit halber RHEL abgekürzt, wobei es sich um eine nicht-offizielle Abkürzung handelt. Im Jahr 2003 stellte Red Hat sein Red Hat Linux ein und spaltete es in Fedora und RHEL auf.

Der Linux-Kernel steht seit 1992 unter der GNU General Public License. Da sich die Mitarbeiter von Red Hat an diese Lizenz halten müssen, veröffentlichen sie den Source Code, verbieten jedoch verständlicherweise die Nutzung ihrer Red Hat Trademarks. Zwar veröffentlichen sie sogar Source Code für Software, wo sie es gar nicht müssten, jedoch ist ein RHEL-System nur bei Abschluss eines Support-Vertrages zu erwerben und sinnvoll einsetzbar. Dafür ist die Qualität der Software exzellent und auf ungezählten Servern erprobt.

Fedora ist die Distribution, in welche die neuesten technischen Entwicklungen einfliessen. So erscheint ca. alle sechs Monate eine neue Fedora-Version - stabile und sinnvolle Erweiterungen fliessen dann mit Verzögerung in die RHEL-Distributionen ein. Fedora ist richtungsweisend und gibt den Takt für künftige Entwicklungen in Red Hat Enterprise Linux vor. In Fedora sieht man also meist heute schon, was auf einen RHEL-Admin in ein paar Jahren zukommt, weswegen wir es persönlich als Workstation schätzen.

Bis CentOS 8.3 / 2021-12-31:

CentOS (Community ENTerprise Operation System), ursprünglich von Gregory Kurtzer als freies Projekt gegründet, besitzt den gleichen Funktionsumfang wie Red Hat Enterprise Linux und bietet volle Software-Kompatibilität. 2014 wurde das Projekt von Red Hat übernommen.

Ein kleines Team um Karanbir Singh ersetzt im Prinzip RHEL-Logos, Trademarks und RHEL-spezifische Pakete wie das Lizenzmanagement, und übernimmt sogar bewusst Fehler aus dem RHEL-Quellcode, um die vollständige Binärkompatibilität zu gewährleisten. CentOS wird allerdings von grossen Software-Lieferanten wie Oracle und IBM nicht als Betriebssystemplattform ihrer Produkte unterstützt. Wer auf Support seitens Red Hat oder anderer grosser Software-Lieferanten verzichten kann, kann zu CentOS greifen. Ein CentOS x.y entspricht einem RHEL x.y.

CentOS ist kein Upstream-Projekt, da es vom kommerziellen RHEL abgeleitet wird. Das Upstream-Projekt zu CentOS ist RHEL. Das Upstream-Projekt zu RHEL ist dagegen Fedora. Der Workflow ist wie folgt:

Nach einem RHEL-Release arbeitet Red Hat stärker als üblich an Fedora.

  1. Nach ein paar Monaten wird aus Fedora die kommende RHEL-Version abgeleitet, die intern weiterentwickelt wird.

  2. Nach ein paar Monaten wird RHEL veröffentlicht. Nach ein paar Wochen erscheint CentOS.

  3. Pflege. Updates für RHEL (und damit CentOS) stammen teilweise auch aus dem Fedora-Projekt, obwohl es dazu keine sichtbare Verbindung mehr gibt (Backports).

Nach CentOS 8.3 / ab 2022-01-01:

Fedora bleibt das Haupt-Upstream-Projekt für RHEL, Red Hat arbeitet also nach wie vor an Fedora.

  1. Nach ein paar Monaten wird wie bisher auch aus Fedora die kommende Major-Version von RHEL abgeleitet, also beispielsweise RHEL 9.

  2. Innerhalb der Major-Version ist dann CentOS Stream 9 der Upstream für RHEL 9.

CentOS Stream

CentOS Stream ist eine Rolling Release Distribution, in der laufend Neuerungen veröffentlicht werden, unter anderem aktuellere Kernel- und Applikations-Versionen. CentOS Stream stellt damit den Stand der Entwicklung dar. Mit CentOS 8 eingeführt, richtete es sich zunächst an Entwickler. Mehr und mehr und spätestens Ende 2021 ist es offiziell „Midstream“ zwischen Fedora und RHEL. Die fixen CentOS-Versionen 8.0 bis 8.3 werden Ende 2021 komplett durch CentOS Stream abgelöst, CentOS 8.3 ist dann also EOL. Spätestens dann steht ein Update von „CentOS Linux 8“ auf „CentOS Stream 8“ an.

Die Aktualisierungen sind in CentOS-Stream allerdings weniger dramatisch, als die „Rolling Release“-Kategorisierung vermuten lässt. Zum Vergleich Stand 2020-12-09, „CentOS Stream release 8“ vs. „CentOS Linux release 8.3“: beide Versionen unterscheiden sich an diesem Tag minimal.

Komponente

CentOS Stream release 8

CentOS Linux release 8.3

Bemerkung

Kernel

4.18.0-240

4.18.0-240.1.1

Apache

2.4.37-30

2.4.37-30

identisch

PHP

7.2.24-1

7.2.24-1

identisch, und immer noch steinalt

Um auf CentOS Stream zu wechseln, genügt:

dnf -y install centos-release-stream
dnf distro-sync

CentOS 7 bleibt unangetastet.

Für die Abkündigung von CentOS Linux siehe auch

Weiterführende Links

Wer lernen möchte, wie man mit Linux bei Null anfängt: http://www.linuxfromscratch.org

Klone

CentOS (bis Version 8.3), Scientific Linux, Oracle Linux und Amazon Linux bauen auf den Red Hat Quellen auf, wobei CentOS die einzig wirklich binärkompatible Plattform darstellte.

Rocky Linux

Gregory Kurtzer, heute bei HPCng.org (High Performance Computing Next Generation), hat aufgrund der Neuausrichtung des CentOS-Projektes das „Rocky Linux“ Projekt ins Leben gerufen, welches wieder 100% bug-für-bug-kompatibel zu RHEL werden soll. Der Name „Rocky“ ist dem verstorbenen CentOS-Mitgründer und einstigen Maintainer Rocky McGough gewidmet.

Siehe auch

AlmaLinux

Vom Team der Firma CloudLinux gebaut, ebenfalls als Antwort auf die Abkündigung von CentOS ins Leben gerufen.

Siehe auch

Oracle Linux

Oracle Linux wird mit zwei unterschiedlichen Kerneln angeboten, einem Red Hat kompatiblen Kernel sowie mit dem „Unbreakable“ Enterprise Kernel, der Oracle-spezifische Optimierungen enthält. Die Unterschiede zum Original RHEL werden jeweils in den Release Notes zu Oracle Linux beschrieben.

Scientific Linux

Dieser Klon ist um wissenschaftliche Programme angereichert und wurde vor allem am CERN in und um Genf gepflegt. 2019 eingestellt, verlief die Entwicklung aus Ressourcengründen langsamer als bei CentOS oder Oracle Linux, und auch nur bis Version 7.

Support

Version

Verfügbar seit

Support bis

Kernel

Gnome

Anaconda (*)

CentOS 6

2011-07-10

2020-11-30

2.6.32

2.28

Fedora 13

CentOS 7

2014-07-07

2024-06-30

3.10

3.8

Fedora 21

CentOS 8

2020-04-27

alt: 2029-12-31, neu: 2021-12-31

4.18

3.28

Fedora 29

(*) Immer interessant: worauf basiert der Installer? Bei Anaconda für RHEL 6 zum Beispiel auf Fedora 13.

CentOS 7 wird demnach länger leben als CentOS 8; letzteres wird durch CentOS Stream 8 abgelöst.

Siehe auch: https://wiki.centos.org/About/Product

Was sagt die Community?

Grosse Änderungen führen zu grossen Diskussionen, wie bereits bei der Ablösung des Init-Systems durch systemd. Die Meinungen dazu gehen also wie immer weit auseinander.

Die einen freuen sich auf das gebündelte Know-How aus Fedora, RHEL und CentOS und die kommende Nähe der einzelnen Projekte zueinander. Viele begrüssen die neuen Möglichkeiten sowie laufende Neuerungen. Zudem bleibt CentOS immer noch Enterprise-Grade Software, die man kostenfrei bezieht. Neu-Ausrichtungen sind in der Open Source-Welt nichts ungewöhnliches, man muss sich regelmässig umorientieren.

Die anderen sehen CentOS zu Beta-Software verkommen und vermuten rein wirtschaftliche Interessen - schliesslich ist CentOS Stream dann immer etwas anderes als das konservative RHEL mit verlässlichen Paket-Versionen, wozu auch der Hinweis if you are using CentOS Linux 8 in a production environment, and are concerned that CentOS Stream will not meet your needs, we encourage you to contact Red Hat about options auf der CentOS-Mailingliste beigetragen hat. Die Verkürzung des ursprünglich bis 2029 geplanten Supports auf Ende 2021 stört diejenigen, die bereits auf CentOS 8 migriert haben. Andere haben es nach der Übernahme des CentOS-Teams durch Red Hat im Jahr 2014 ja schon immer gewusst.

Wie schätzt ihr die Auswirkungen ein?

Kurz gesagt: Wir wissen es noch nicht. Viele Fragen zu Details und Abläufen können noch nicht beantwortet werden, da Red Hat in 2021 noch selbst über die Bücher muss.

Unsere Meinung: Da CentOS Stream der Upstream zu RHEL wird, wird es für RHEL 8 auch ein CentOS Stream 8 geben, für RHEL 9 ein CentOS Stream 9 usw. - immer mit der gleichen Major Kernel-Version, im Fall von v8 also 4.18. CentOS ist als Upstream mehr denn je im Enterprise-Bereich angesiedelt, von daher wird es dem klassischen RHEL nur um Nuancen voraus sein können. Ein Problem wird jedoch das fehlende Version-Pinning sein.

Im Betriebssystem-Bereich supporten wir als Open Source-Dienstleister CentOS, Ubuntu Server und Debian, wobei CentOS mit einem Anteil von weit über 90% massiv und am stärksten vertreten ist. Die Neu-Ausrichtung des CentOS-Projekts kommt auch für uns überraschend, ein Wechsel von CentOS auf CentOS Stream wird in einigen Bereichen Aufwand verursachen. Was wir aber jetzt schon sagen können:

  • Wir werden mit CentOS Stream arbeiten und dieses supporten.

  • Als Red Hat-Partner können wir auf Wunsch auch RHEL liefern.

  • Wir werden uns mit Sicherheit Rocky Linux anschauen.

Um es mit den Worten des Gunslingers aus Stephen Kings‘ „The Dark Tower“ zu sagen:

The world has moved on,‘ we say… we’ve always said. But it’s moving on faster now. Something has happened to time.